Zu Arm Zum Träumen

Über die Möglichkeit und Unmöglichkeit, große Ziele zu haben. Von Fatima Fuddou Agro.

Geld macht dich vielleicht nicht glücklich, aber keines zu haben stresst schon sehr. Und dieser Stress fängt oft schon weit vor einer eventuellen Erwerbsfähigkeit an. Wenn du deiner Mutter bei ihrem 1-Euro-Job hilfst, Flyer auszuteilen, und euch an jeder Ecke einer deiner Mitschüler begegnen könnte. Wenn der Herr Lehrer wieder einmal vor versammelter Klasse nach dem Wisch fragt, der deiner Familie attestiert, einen 30-Euro-Ausflug nicht selbst zahlen zu können. Wenn du noch zu wenig von der Welt weißt, um deine No-Name-Billig-Schuhe mit dem Stolz zu tragen, der dir zusteht. Also riechen die anderen deine Scham, und sie rotzen sie dir ins Gesicht. Kind der Armut, so sehr, dass es sogar in ‘nem sozialen Brennpunkt wie Wilhelmsburg auffällt.

Aber du bist ja clever. Neben fortwährend fehlender Schulmaterialien tauchen nämlich auch dein sonniges Gemüt, deine Neugier, deine schnelle Auffassungsgabe im Zeugnis auf. “That kid is going places”1, sagen sie, die Erwachsenen, und du fühlst dich geschmeichelt. Deine Mutter platzt regelmäßig vor Stolz darüber, wie leicht du doch lernst. Und weil man immer erst genauer guckt, wenn etwas nicht funktioniert, und du das schulisch durchaus tust, sind alle überzeugt, dass nach deinem Realschulabschluss dein Abitur kommt. Und nach deinem Abitur ein Studium, mit Erasmus im Ausland, zwischendrin der Führerschein, halt das, was man so macht, wenn man eine strahlende Zukunft zu erwarten hat. Es sind alle davon überzeugt, außer dir. Denn egal, wie gern du lernst: Wovon du nichts weißt, das kannst du nicht lernen. Woher sollst du wissen, wie es sich anfühlt, aufgefangen zu werden? Dass es mehr gibt, als sich mit seinem Job bloß ‘über Wasser zu halten’? Wie willst du lernen, dich auszuprobieren, wenn du nicht weißt, dass ein Kind sich Fehler leisten darf? Das Leben ist so hart, du siehst es an deiner Mutter. Du kannst froh sein, wenn du überhaupt ‘ne Arbeit kriegst. Also steckst du dir die einfachsten Ziele, weit entfernt von der Biologin, Menschenrechtlerin oder freien Journalistin, die du werden wolltest. Natürlich traust du dir diese Dinge oder all die anderen Luftschlösser, die deine Mutter für dich baut, nicht zu. Weil deine Mutter nichts anderes tut als das: Luftschlösser bauen. Ohne Sicherheitsnetz. Und wenn du von einem stolperst, bist du tot. Aber wann sollte sie auch Netze schaffen, neben Minijobs und Alleinerziehung.

Also kommt nach dem Abitur der Dienstleistungssektor, Einzelhandel, ein solider Job. Dass du darin versagst – unwahrscheinlich. Und es ist egal, dass du nicht genug verdienst, um die Welt zu bereisen, du hast ja eh keine Zeit, nicht mal ein verf*cktes Wochenende, denn die Leute brauchen auch am Samstag ihr Toilettenpapier. Aber manchmal hat man Glück, und deins hat einen eigenen Namen. Tritt dir jeden Morgen in den Arsch. Raus aus deinem stressigen Leben aus Arbeit, Armut und Unzufriedenheit. Hoch auf dein Luftschloss, das Universität heißt. Und weil es diesmal ein Netz gibt, gibt es keinen Grund Angst vorm Stolpern zu haben. Du traust dich.


1 Übersetzung: “Aus dem Kind wird mal was.”


Moin, ich bin Fatima und studiere Soziale Arbeit, mit einem Nebenjob im Einzelhandel. Was ich mag, eher noch liebe, sind Hunde, die Arbeit mit Jugendlichen und alles mit Blaubeergeschmack. Allen Widrigkeiten des Lebens zum Trotz, sollte man sich und seine (realistischen) Ziele nicht aufgeben. Manchmal wartet die Motivation die man braucht im nächsten Buch, im nächsten Tag oder wie bei mir, in der nächsten Bar und lädt dich auf einen Drink ein.


Bildnachweis: © Matthias Döll / CC BY-SA 2.5 (via Wikimedia Commons (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Plattenbau_Leerstand_Weisswasser_2004.jpg), Collage von Sabine Strobler, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/legalcode

Das Dishwasher Magazin ist ein Magazin von und für Arbeiter*innenkinder. Der Name bezieht sich auf den sog. Tellerwäscher-Mythos, also der Annahme, jede*r egal wo er oder sie herkommt und wer die Eltern sind, könne vom Tellerwäscher zum Millionär werden. So predigen es häufig privilegierte Menschen, auch wenn dies nicht der Realität entspricht.

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