Kunst und Kitsch

Über Kunst und Klassismus. Von Lina Zhou.

In letzter Zeit kreisen meine Gedanken oft darum, warum ich mich nicht mehr ‘künstlerisch’ ausdrücke. Wo ich mir doch als Kind täglich Geschichten erdachte, die ich in Bildern und Worten auf den Kellnerblöcken des China-Restaurants meiner Eltern erzählte. Als Jugendliche verbrachte ich Nächte am Schreibtisch, zwischen Farben und ausgedachten Figuren…

Ich traue mich nicht mehr. Weil auf allem, was ich anfange, der erdrückende Anspruch, ‘Kunst’ sein zu wollen, liegt. Schließlich studiere ich bildende Kunst, bin quasi angehende Künstlerin (oder?) und weiß zu unterscheiden zwischen einer kitschig-hübschen Zeichnung und einem echten, bedeutungsvollen Kunstwerk.

Ich habe den Unterschied zwischen ‘Kitsch’ und ‘Kunst’ mit neunzehn Jahren lernen müssen. Ich wollte mich auf ein Kunstlehramtsstudium bewerben und suchte eine ‘Mappenberatung’ auf.1 In dieser Mappenberatung meiner Wunschuniversität hat die zuständige Professorin – ihren Namen habe ich vergessen – fast alle meine Werke für „kitschig, postkartenähnlich, unreif und ohne eigene Handschrift“ befunden. Immerhin eines war „interessant“. Sie sagte, ich könne „vielleicht Illustration“ studieren, „aber nicht Kunst, schon gar nicht bildende Kunst“.

Natürlich trafen mich die Worte der Kunstprofessorin. Indem sie meine Werke so abschätzig beurteilte, beurteilte sie auch mich – als Person. Immerhin waren die Bilder aus monatelanger Mühe hervorgegangen. Sie waren Ausdruck meines aufrichtigen Wunsches, künstlerisch zu wachsen. Trotz dieser vernichtenden Bewertung hielt ich daran fest, Kunst und Englisch für das gymnasiale Lehramt studieren zu wollen. Ich suchte eine kleine Universität auf, an der ‘nur’ Kunstlehramt studiert wurde und nicht freie Kunst. Meine Bewerbungsmappe wurde angenommen. Die Eignungsprüfung bestand ich auch.

Während des Kunststudiums begann auch ich, meine alten Werke als ‘Kitsch’ und ‘zu gewollt’ zu betrachten. Obwohl die Dozierenden der neuen Uni freundlich waren in ihrer Kritik, schimmerte in der Kunstpraxis immer die Aufforderung durch, experimenteller, offener und unkonventioneller zu sein. Und das verstand ich und wollte ich! Ich verstand nun, dass in der Welt der Konventionen die Kunst der Ort ist, um diese zu brechen. Auch die Kunstpädagogik lehrte mich, dass es bei der Kunstvermittlung um die Ermöglichung ästhetischer Erfahrungen geht, also um „Erfahrungen der Diskontinuität, der Differenz zum bisher Erlebten“ (Peez 2012: 25). Mich faszinierten all diese Ansprüche an Kunst, weit mehr zu sein als ‘nur’ Zeichnen oder Malen – nämlich eine Art, die Welt zu erleben, Konventionen zu hinterfragen und sich zu bilden. Ich sog sie auf wie ein Schwamm. In meiner Kohorte wurde ich die größte Verfechterin des bildungsphilosophischen Anspruchs/ Impetus der Kunstpädagogik. Ich war völlig überzeugt von diesem ‘großen’ Anspruch der Kunst.

Zumindest in der Theorie. In der Praxis, muss ich gestehen, waren diese Erkenntnisse und Gedanken ein zweischneidiges Schwert. Während ich in den ersten Semestern noch freudig neue Techniken erlernte und an meinen Werken arbeitete, hemmten mich zunehmend dieselben Gedanken, die mich in der Theorie beflügelten. Motive, die mich jahrelang interessiert hatten, denen ich mich immer gewidmet hatte, kamen mir nun zu konkret und damit banal vor – nicht experimentell, nicht interessant genug. Zu offeneren, abstrakten Formen spürte ich keinen intuitiven Zugang.

Meine damalige Überzeugung: Weil ich so spät erst mit ‘wahrer’ Kunst, also bedeutungsvollen, Konventionen sprengenden Werken, Installationen und Performancekunst, in Berührung kam, ist meine Ästhetik veraltet, konventionell und kindlich. Deshalb fällt es mir schwer, ‘echte’ Kunst zu schaffen. Ein einschneidendes Erlebnis in dieser Zeit war der Besuch einer Tagung mit dem Schwerpunkt Erstakademiker:in sein. Dort lernte ich die Gedanken des französischen Soziologen Pierre Bourdieu kennen. Ich war begeistert. Nach der Tagung setzte ich die Auseinandersetzung fort.

Der Bereich des Kunstbetriebs und der Kunsthochschulen – in Bourdieus Terminologie das Feld der Kunst und künstlerischen Produktion – wird dominiert von dem, was gemeinhin als gesellschaftliche ‘Oberschicht’ bezeichnet wird. Diese ‘Oberschicht’ besitzt einen klassenspezifischen Habitus2, mit dem sie sich von ‘unterlegenen’ Schichten abgrenzt. Nach Bourdieu sind alle Schichten bestrebt, aufzusteigen. Sie ahmen deshalb (bewusst und unbewusst) die ‘Oberschicht’ nach, in ihrer Freizeitbeschäftigung, ihrer Kleidung, ihren Gewohnheiten etc. So wandeln sich die Präferenzen und Geschmäcker mit der Zeit, insbesondere die der imitierten ‘Oberschicht’. Denn sobald die Mittelschicht Verhaltensweisen, Geschmäcker etc. übernommen hat, wurden diese für die „Oberschicht“ abgewertet. Als die Mittelklasse also beispielsweise begann, Landschaften zu malen und sich diese in ihre Wohnzimmer zu hängen, war Landschaftsmalerei für die ‘Oberschicht’ dadurch keine Kunst mehr. Sie war ‘Kitsch’. Die Oberschicht suchte sich neue Motive, die sie zu ‘legitimer’ Kunst erklärte. Bourdieu macht deutlich, dass Kunst nicht auf universellen Prinzipien der Ästhetik fußt. Die künstlerische Sphäre ist also nicht ‘frei’ vom Sozialen und Ökonomischen. Sie erfüllt die Funktion der Distinktion (der feinen Unterschiede), die die ‘Oberschicht’ zwischen sich und den Anderen wahren will.3

Ich erkannte, was es mit der Mappenberatung, meiner ‘kitschigen’ Ästhetik und meiner Hemmung, zu kreieren, auf sich hat. Es hat mit Klassismus zu tun. Wenn ich mir heute schwer tue, mich künstlerisch auszudrücken, dann nicht, weil es mir an Inhalten, die ich mit der Welt teilen möchte, fehlt. Sondern weil ich mir, seit meinem Eintritt in die künstlerische Sphäre, meine alte Ästhetik abtrainiert habe. Ich habe die vollgekritzelten Kellnerblöcke meiner sozialen Herkunft verleugnet, die nicht kompatibel sind mit den dominanten Vorstellungen von ‘Kunst’, definiert von der herrschenden Schicht.

Was bleibt nach all dem? Ist ‘Kunst’ also nur den Herrschenden vorbehalten? Mehr noch: Gibt es überhaupt Kunst – ohne Klassismus?


1 Um an Kunsthochschulen zugelassen zu werden, muss in der Regel ein sehr aufwendiger Bewerbungsprozess absolviert werden, in dem die künstlerische Eignung bewiesen wird. Für die Bewerbung zum Kunstlehramtsstudium war das nahezu überall folgendermaßen: Zuerst wird eine Mappe eingereicht, die im Schnitt zwischen zwanzig und vierzig künstlerische Arbeiten enthält. Wenn diese Mappe überzeugt, wird man in einem nächsten Schritt zu einer Eignungsprüfung eingeladen, in der Aufgaben in den Bereichen Zeichnen, Malen und dreidimensionales Gestalten zu bearbeiten sind. Diese Prüfung! findet üblicherweise an den Hochschulen statt und erstreckt sich über einen ganzen Tag, manchmal auch zwei. Die meisten Kunsthochschulen und Universitäten mit künstlerischen Fächern bieten sogenannte “Mappenberatungen” an, zu denen Studieninteressierte ihre Werke mitbringen können und sich manchmal von Professor:innen und manchmal von Studierenden höherer Semester beraten zu lassen.

2 Verhaltensweisen, Gewohnheiten, Präferenzen, Geschmack

3 Für einen Einstieg in Bourdieus Theorie empfehle ich tatsächlich zunächst Überblickswerke bzw. Sekundärliteratur. Seine Konzepte werden nicht in einem zentralen Werk alle vorgestellt, sondern finden sich eher verstreut wieder in verschiedenen Monographien und Artikeln. Einen sehr guten Überblick, wenn auch Englisch (da mein Studienfach englischsprachig ist), bietet Johnson,R. (1993). “Editor‘s introduction: Pierre Bourdieu on art, literature and culture,” in P. Bourdieu, The Field of Cultural Production: Essays on Art and Literature, ed. and intro. R. Johnson, Cambridge: Polity Press.

Referenzen: Peez, Georg. Einführung in die Kunstpädagogik. Kohlhammer Verlag, 2012.


Lina Zhou studiert gerade im Master britische und nordamerikanische Kulturwissenschaften. Zuvor schloss sie einen Bachelor of Education in Kunst, Englisch und Bildungswissenschaften ab. Die Schnittstelle zwischen Kunst, Kulturtheorie und Klassismus beschäftigt sie sehr. Dieser widmet sie sich aus einer interdisziplinären Perspektive zwischen Kunstpädagogik, Cultural Studies und Soziologie.

Das Dishwasher Magazin ist ein Magazin von und für Arbeiter*innenkinder. Der Name bezieht sich auf den sog. Tellerwäscher-Mythos, also der Annahme, jede*r egal wo er oder sie herkommt und wer die Eltern sind, könne vom Tellerwäscher zum Millionär werden. So predigen es häufig privilegierte Menschen, auch wenn dies nicht der Realität entspricht.

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