Graduieren und Gradwandern

„Zeit für Luftsprünge“ prangt auf der Alumni-Club-Postkarte, die den Abschlussdokumenten der WWU [Uni Münster] beigelegt ist. Etwas kleiner gedruckt folgt der Satz: „Hinaus in die Welt und nicht den Boden unter den Füßen verlieren!“ fliegen. wissen. leben.

Mein Referendariat beginnt im November mit 10.000 Euro BAföG-Schulden und einem Autoanschaffungs-Kredit, da ich einer Schule zugeteilt wurde, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht unter 2,5 Stunden pro Strecke zu erreichen ist. Natürlich könnte ich auch die gemeinsame, kleine Wohnung, die mein Partner und ich am Rande Münsters nach ewiger Suche gemeinsam beziehen konnten, aufgeben und ins ländliche Randgebiet des Kreises Warendorf auswandern. Natürlich hätte ich auch von Anfang an im Sauerland bleiben, eine Ausbildung zur Arzthelferin machen und dem Schützenverein beitreten können. Dann hätte ich auch nicht ewig neben dem Studium in irgendwelchen Halbtagsjobs rumgehangen, sondern wäre wahrscheinlich schon mit einem kernigen Burschen, der in der freiwilligen Feuerwehr aktiv ist, verlobt – oder noch besser: Mutter. Zumindest nach meiner Mutter. Schließlich bin ich schon 4 Jahre älter, als sie es war, als sie mich bekommen hat. Bildungsaufstieg hin oder her. Letztlich ist es ja dann auch doch Deutsch- und Philosophie-Lehrerin geworden – mit zu viel Furcht vor der Promotions-Finanzierungs-Frage und zu kleinem Horizont für eine Wissenschaftskarriere. Und außerdem: „Wieso will man sich Doktor nennen, wenn man kein Arzt ist?“ Na, weil man das Fach liebt und gerne mit Texten arbeitet und gerne nachdenkt und die Germanistische Mediävistik und die neuere deutsche Literaturwissenschaft mehr sind als gegenwartsfremde Selbstzweckdisziplinen. „Aha. Kommt eigentlich immer noch kein Fleisch auf deinen Teller? Da müssen wir gucken, was du dir Weihnachten isst, woh?“ Gegessen und getrunken wird in meiner Familie reflexiv. Reflexartig abgelehnt wird allerdings mein Duktus. (Sekundär-)Literatur und Veranstaltungssprech haben den nämlich zusehends unterwandert, so dass ich nicht mehr über Wörter wie „Konnotation“, „signifikant“, „reüssieren“ und „Ambiguität“ nachdenke. Die sind halt einfach da, wenn ich rede. Distinktionsmerkmal, woh? Und auch wenn man natürlich stolz ist auf die zukünftige „Frau Lehrerin“, so findet man die auch irgendwie irgendwas zwischen altklug und arrogant. Das hört auch nicht mehr auf. Die Angst vor dem Vorwurf oder sogar dem eigenen Gedanken, was Besseres zu sein, bleibt. Sie sitzt Weihnachten mit am Esstisch und brüllt rum, wenn dumpf-populistisches Gedankengut zum Schweinebraten serviert wird. Sie hängt mit in der Leitung, wenn man desinteressiert am Telefon dem familiären Wochenbericht lauscht. An guten Tagen ist man einfach etwas anders als die Familie, an schlechten fühlt man sich, als gehörte man nicht dazu. An den schlimmsten schämt man sich für den aufblitzenden „was Besseres“-Gedanken.

In der Uni läuft das ganz analog. Nachdem man sich durch den Anfang gekämpft hat, fühlt man sich phasenweise wirklich nach „wissen. leben.“ Dann reicht das BAföG nicht, die Nebenjobs fressen mehr Zeit, das Studium wird länger. An guten Tagen ist man einfach das Arbeiterkind, das sich stolz – mit und nach BAföG – allein finanziert, an schlechten fühlt man sich, als gehörte man nicht dazu. An den schlimmsten schämt man sich für den aufblitzenden Neid. Neid, dass man nicht einen Monat durch Thailand reisen kann, dass man nichts erben wird, dass nicht alle Angst vor Verschuldung und Altersarmut – der eigenen und der der Eltern – haben.

Posttraumatische Belastungsstörungen trägt man aber von den hässlichen Dazwischen-Gefühlen nicht davon. Man wächst daran. Ich kann das postgraduell allen Erstis, Fünftis und Zehntis versprechen. Empfehlen kann ich auch die Binsenweisheit „Reden hilft“. Lasst eure Familie an eurem Leben teilhaben – gerade weil es sich in eine andere Richtung entwickelt. Haltet Augenroller bei versehentlichem Gebrauch des Wortes „konstatieren“ aus und erlaubt euch auch mal selbst welche.  Vergegenwärtigt euch, dass Scham- oder Ausgrenzungsempfinden nur einen Bruchteil eurer Gefühlswelt ausmachen und dass weder eure Eltern noch eure Bagpacking-Kommilitonen etwas für die bestehende Chancen-Ungleichheit können. Erlaubt euch System-Frust bei gleichzeitiger Wahrung von Wissensbegeisterung und Neugier. Ich wechsle ab November die Seiten im Bildungssystem – immer noch in der Hoffnung, dass wir Arbeiterkinder besonders dagegen gefeit sind, kein Teil der Missverhältnis-Reproduktionsfirma zu werden.

Das Dishwasher Magazin ist ein Magazin von und für Arbeiter*innenkinder. Der Name bezieht sich auf den sog. Tellerwäscher-Mythos, also der Annahme, jede*r egal wo er oder sie herkommt und wer die Eltern sind, könne vom Tellerwäscher zum Millionär werden. So predigen es häufig privilegierte Menschen, auch wenn dies nicht der Realität entspricht.