Das Vorbild meiner Jugend

Neulich saß ich mit einer Freundin auf dem Balkon bei Bier und hatte ein nettes Gespräch. Es ging um ihre Familie – speziell um einen Onkel der in ihrer Jugend ein Vorbild für sie gewesen ist. Ein Journalist, der mit seinen politischen Idealen großen Eindruck hinterlassen hat. Eine Person, die regionalen Einfluss hatte und nicht nur meine Freundin begeisterte.
Es war schön ihr dabei zuzuhören, weil sie begeistert berichtet hat.

Nach unserem Gespräch, musste ich selbst darüber nachdenken, ob ich eigentlich ein Vorbild in meinem persönlichem Umfeld meiner Jugend hatte, eine Person die mich kreativ fasziniert hat, bei der ich mich herausgefordert, aufgehoben und gesehen fühlen konnte.
Mir ist niemand eingefallen.
Wie kommt das?

Ein Vorbild, das durch seinen*ihren Bildungsweg Fleiß oder Kreativität aus mir herausholte, konnte ich damals in meiner Familie oder in Freund*innen der Familie nicht finden.
Meine Mutter hat einen Hauptschulabschluss und arbeitet seit ihrer Ausbildung in einem Friseurladen auf dem Land. Mein Vater hat die Realschule gemacht und arbeitet Schicht in der Industrie.
Bevor mein älterer Bruder aufs Gymnasium ging, gab es nicht mal ein Abitur in der Familie; mein Bruder ist dennoch Schreiner geworden.
Mir wurde nicht indirekt oder direkt vorgelebt, was es bedeuten kann, länger als zehn Jahre zur Schule zu gehen. Mir ist sogar aktiv ausgeredet worden, nach der Realschule es nochmal mit dem Abitur zu versuchen.

Die Geschwister meiner Eltern sind auch nicht länger als neun oder zehn Jahre zur Schule gegangen. Es gab damals keinen Anreiz „mehr“ zu wollen, daher hab ich mit 16 eine Ausbildung in der Industrie begonnen.
Mein Fachabi konnte ich dann später nachholen, und nach einer zweiten Ausbildung als Erster der Familie an einer Hochschule studieren.

Auf der kulturell, kreativen Ebene konnte ich auch kein Vorbild finden. Meine Generation ist die Erste gewesen in der Musikinstrumente gelernt wurden, auf eigenen Wunsch hin.
Ich kenne niemanden aus dem Umfeld meiner Jugend, der*die Kunst gemacht hat oder sie überhaupt wertschätzen konnte.
Keine Person, die z.B. Theater spielte (mit meinen Eltern bin ich nach wie vor nicht im Theater gewesen) oder anderweitig kreativ tätig war. Über Künstler*innen wurde sich allgemein eher lustig gemacht. Sie seien faul und würden nicht zum Wohl der Gesellschaft beitragen. Genauso wie Beamt*innen, Lehrer*innen, Politiker*innen oder einfach eben alle, die nicht mit der Hand arbeiten.
Mir fällt auch keiner*e ein, der*die ich tatsächlich gut kannte, der*die wenigstens symbolischen Einfluss in dem Dorf hatte, in dem ich aufgewachsen bin.

Meine Eltern sind nach wie vor in Vereinen engagiert, aber auch dort nur in ausführenden Positionen, nicht in entscheidenden.
An Hobbys und Freizeitgestaltung kenne ich nur einen Onkel, der mich begeistert. Er ist Hobbyalpinist und hat meinen Bruder und mich zum Klettern in die Berge mitgenommen. Dafür bin ich noch immer dankbar, da ich den Bergsport dadurch für mich entdecken konnte.

Natürlich hatte ich Lehrer*innen, die ein Studium absolviert hatten und auf mich interessant wirkten. Aber ich kann mich an keine Person erinnern, auf die ich auch in meinem „Privat“-Leben Zugang hatte, die mich in einer Ebene begeistern konnte, wie es nur Bezugspersonen können.
Der Vater eines Freundes von mir ist Lehrer gewesen. Unsere Eltern sind sogar befreundet, aber durch meine Erfahrungen in der Schule ist er eine Autoritätsperson gewesen, bei der ich mich nicht getraut habe, offen zu sein.

Was hat Klassismus mit meinen Vorbildern zu tun?
Zufall, dass meine besagte Freundin nicht nur den Onkel als Vorbild hatte, sondern auch ihre Eltern, Großeltern und Freund*innen der Familie? Nein. In ihrer Familie gibt es eine lange Tradition auf eine Universität zu gehen, und damit verbunden ein Selbstverständnis, sich mit Politik und linken Theorien auseinander zu setzen und die Gesellschaft als veränderbar zu begreifen. Politik zu machen. Kunst und Kultur nicht nur verstehen zu können, sondern sie auch zu gestalten.

Der Klassenhabitus meiner Herkunft ist der der Arbeiter*innenklasse. Es hat eine konkrete Abwertung und Abgrenzung zu allem gegeben, was nicht in diese Klasse gehört. Mir wurde vorgelebt und mitgegeben, in dieser Klasse zu bleiben und nicht mehr zu wollen, wie für mich vorgesehen ist. Und das obwohl in meiner Familie kein Klassenbewusstsein existierte. „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ – das Motto meiner Erziehung, meiner Klasse und Herkunft – seit Generationen. Es ist offensichtlich, dass ich in diesem Umfeld niemanden finden kann oder konnte, der*die mich auf einer Ebene begeistert, die Dinge aus mir hervorholt, von denen ich selbst nicht weiß und auf die ich stolz bin.

Für meine zweite Ausbildung bin ich vom Land in eine Großstadt gezogen und konnte eine andere Welt von Möglichkeiten kennenlernen. Freund*innen, die mich bereicherten und herausforderten, besonders intellektuell. Durch Unterstützung von Freund*innen, die studierten, bin ich mit 25 Jahren selbst an die Hochschule gekommen. Freund*innen, die Vorbildrollen einnahmen, die ich eigentlich 10 Jahre früher gebraucht hätte.

Jetzt erst merke ich, welche unterschiedlichen Voraussetzungen an der Uni herrschen, um mit dem Stoff und der Hochschulkultur klar zu kommen. Ich spüre, dass mich aus meinem alten persönlichen Umfeld niemand verstehen kann, wenn ich über das Studium oder das Leben als Student*in spreche.
Ich konnte mich in einer Hochschulgruppe organisieren und darüber austauschen, welche Erfahrungen Studierende aus der Arbeiter*innenklasse machen. Es hilft mit zu verstehen, dass ich weiß, dass die eigenen Erfahrungen keine Einzelfälle, sondern typisch für meine Herkunft sind.

Ich habe mittlerweile zwei Ausbildungen abgeschlossen, ein Jahr im Ausland gearbeitet und Erziehungs- und Bildungswissenschaften studiert. Heutzutage lebe ich in Berlin, bin politisch aktiv, versuche Herrschafts- und Machtkritik in meinen Alltag zu integrieren, genieße Kunst und Kultur, betreibe Sport, mache Musik und habe wundervolle Freundschaften, die mich und andere inspirieren. Ich selbst versuche das Vorbild zu sein, was ich mir in meiner Kindheit und Jugend gewünscht habe.

Selbstverständlich haben mir meine Eltern und Verwandten auch Eigenschaften mitgegeben, die mich ausmachen und zu mir gehören, die ich mag und wertschätze. Es sind jedoch Gewohnheiten, die ich in der akademischen Welt kaum anwenden kann, die sogar meistens negativ beurteilt wurden.

In mich ist eine Unsicherheit um mein Selbstwertgefühl und um meine Rolle in der Gesellschaft hinein sozialisiert worden, die mich immer wieder in meinem Wirken zurück wirft. Eine Stimme die mir sagt, dass ich für so ein Leben nicht bestimmt bin und bald an allem scheitern werde. Ich kämpfe täglich dagegen an.

„Schuster, bleib bei deinen Leisten.“ Ein Satz den ich nie wieder hören will!

Das Dishwasher Magazin ist ein Magazin von und für Arbeiter*innenkinder. Der Name bezieht sich auf den sog. Tellerwäscher-Mythos, also der Annahme, jede*r egal wo er oder sie herkommt und wer die Eltern sind, könne vom Tellerwäscher zum Millionär werden. So predigen es häufig privilegierte Menschen, auch wenn dies nicht der Realität entspricht.

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