Feminismus hat Klasse!

Über die Auseinandersetzung mit Klasse im Feminismus. Von Marie Kottwitz.

Wenn ich über Klasse und Feminismus nachdenke, denke ich an viele beeindruckende Menschen und Gruppen, sowie ihre Beiträge dazu, wie heute über Klasse und Klassismus gesprochen wird. Dabei denke ich an bell hooks1, Schwarze Feministin, Autorin und Professorin.

bell hooks ist am 15. Dezember 2021 im Alter von 69 Jahren verstorben und hat zahlreiche Einsichten, Beobachtungen und Erkenntnisse hinterlassen. Ihr Schreiben begründet sich in der Einheit von Theorie und Erfahrung. Denn persönliche Erfahrungen lassen sich kaum von theoretischen Einsichten trennen und können eine Grundlage der Theoriebildung sein. bell hooks beschreibt Theorie als heilsam, wenn sie nicht dazu genutzt wird, andere auszuschließen oder zum Schweigen zu bringen. Sie kann befreiend und ermächtigend wirken, mit dem Interesse die Gesellschaft zu verändern (vgl. Kazeem-Kamiński, 2018, S. 127).In diesem Sinne sind die Begriffe von Klasse und Klassismus entstanden, indem Menschen angefangen haben, ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen Theorien zu bilden. Es war von Anfang an eine feministische Entstehungs- und Verwendungsgeschichte. Am häufigsten wird das lesbisch-feministische Kollektiv The Furies genannt, z.B. von Heike Weinbach oder Tanja Abou. In ihren Schriften von 1974 tauchte Klassismus in dieser Auseinandersetzung zum ersten Mal auf. Sie thematisierten Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihrer sozialen Herkunft. In der von The Furies verfassten Anthologie2 Class and Feminism (1974) geht es um das Verstehen unterschwelliger psychischer Effekte statt um theoretische Debatten. Sie tauschten sich über ihre Erfahrungen aus und prägten so ihren eigenen Klassenbegriff. Entlang ihrer Auseinandersetzung mit Heterosexismus3 und Sexismus wird sichtbar, dass Klasse hier von Beginn an intersektional4 bzw. mehrdimensional gedacht wurde und nie als Kategorie für sich stand. Eine weitere bedeutsame Auseinandersetzung findet sich in den Schriften des Combahee River Collective, ein Kollektiv Schwarzer Feministinnen, die explizit auf die Verschränkungen von Unterdrückungssystemen verwiesen, welche die Grundlage ihrer Lebensrealitäten bildeten (vgl. The Combahee River Collective, 1977, zit. n. Kelly, 2019, S. 50).

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Klasse von Beginn an mehrdimensional betrachtet wurde und noch heute gedacht wird. Es waren und sind oft queerfeministische Zusammenhänge, die antiklassistisch eingriffen und weiterhin eingreifen. Auffallend häufig lassen sich diese Interventionen auf Lesben oder Lesbengruppen zurückführen. 

bell hooks greift diese Beobachtung in where we stand: class matters (2000) auf und schreibt, dass Lesben seit jeher am stärksten an der Radikalisierung feministischer und antiklassistischer Kämpfe beteiligt waren, da sie sich außerhalb von heterosexuellen Privilegien und deren Schutz bewegen (vgl. ebenda). Auf Männer könne sich also im Sinne einer ökonomischen Unterstützung nicht verlassen werden. Lesben waren die ersten, die kollektiv über Klassismus sprachen und ihre Sichtweisen in zugänglicher Sprache ausdrückten.(vgl. bell hooks, 2000, S. 102)

Und trotz alledem stehen wir in der alltäglichen Auseinandersetzung mit Klasse und Klassismus weiterhin am Anfang. Wir kämpfen um Anerkennung – denn obwohl über Intersektionalität und mehrdimensionale Lebensrealitäten gesprochen wird, stehen wir vor dem Problem, dass Klasse unsichtbar gemacht und in dem Dreisatz von class, race und gender5 oft mitgesagt, aber nicht mitgedacht wird. Dieses Unsichtbar-Machen ist Teil klassistischer Diskriminierung und die Sensibilisierung steckt noch in den Kinderschuhen. Wir müssen also kämpfen für die Sichtbarkeit unserer Stimmen und Erfahrungen. 

Nancy Fraser begreift Anerkennungskämpfe als Kämpfe darum, wessen Ansprüche überhaupt gehört und verhandelt werden (vgl. Bitzan, 2018, S. 55). Dabei haben sich Kämpfe um Anerkennung in uns, in das Innere der Menschen verlagert. Die Verlagerung nach Innen führt dazu, dass Probleme indiviualisiert werden und eine politische Dimension außer Acht gelassen, dethematisiert und somit verlagert wurde (Bitzan, 2018, S. 59). Und dennoch scheint in letzter Zeit das Thema Klasse wieder auf den Tisch zu kommen. Es entstehen zahlreiche Publikationen und Veranstaltungen. Doch während es bei Verhältnissen wie Sexismus und Rassismus dazu gehört, sich mit der eigenen Position auseinanderzusetzen, scheint dieser Anspruch bei Klassismus nicht zu bestehen. Dieses Schweigen über Klassenverhältnisse und Klassismus trägt weder zu einer gesellschaftlichen Veränderung noch zur Stärkung von Betroffenen bei. Um dieses Schweigen zu brechen und Anerkennungskämpfe zu führen ist es sinnvoll sich auf die Entstehungs- und Verwendungsgeschichte von Klasse und Klassismus zu beziehen – es braucht queerfeministische Perspektiven und eine kritische Auseinandersetzung mit Normen und der Komplexität mehrdimensionaler Lebensrealitäten, in der Leerstellen genau betrachtet und nicht übersehen werden. Denn die Realität ist bereits queer, intersektional und somit von Klassenverhältnissen geprägt. Deswegen will ich, dass wir da sind, wo zu Klassen- und Diskriminierungstheorie gearbeitet wird. Denn wenn es dort keine Erfahrungen mit Klassismus gibt, werden diese auch nicht thematisiert und das Sprechen über ‘die Anderen’ setzt sich fort. Ich will die „Dominanz von akademischen Herkünften in der akademischen Linken“ (Kemper, 2015, S. 26) brechen und die Theorie der Realität anpassen.

Hierzu braucht es Menschen die Bündnisse schließen und Brücken schlagen. Das erfordert Mut, bedeutet aber auch Vorfreude auf neue Wirklichkeiten. Um dabei weitere Entwicklungen und Aushandlungsprozesse zu unterstützen, ist es wichtig, sich in Frage zu stellen und insbesondere in Frage stellen zu lassen. Das bedeutet eine Haltung zu entwickeln, die nicht nur durch Theorie entsteht, sondern durch eine Reflektion, in der Leerstellen aufgespürt und ausgehandelt werden. Privilegien und Einschränkungen können diskutiert werden, um zusammen über eine Welt nachzudenken in der wir gemeinsam leben wollen.


1 Gloria Jean Watkins publizierte unter dem Namen bell hooks (vgl. Kazeem-Kamiński, 2018, S. 21). Die Kleinschreibung ihres Namens, die im deutschen oft nicht beachtet wird, soll ausdrücken, dass der Inhalt ihrer Bücher entscheidend ist und nicht die Person, die sie verfasst (vgl. ebenda, S. 26).

2 Eine Anthologie ist eine Sammlung ausgewählter Texte in Buchform.

3 Heterosexismus ist eine sozusagen eine versteckte Homofeindlichkeit, die sich in der Bevorzugung von Heterosexualität und heterosexuellen Vorstellung als Norm äußert.

4 Unter Intersektionalität wird verstanden, dass verschiedene Positionen sozialer Ungleichheit zusammenwirken und nicht für sich alleine stehen. Unterschiedliche Formen von Unterdrückung lassen sich nicht aneinanderreihen, sondern sind verschränkt. Bsp. Eine Frau aus der Arbeiter*innenklasse wird nicht als Frau oder als Person aus der Arbeiter*innenklasse diskriminiert – sondern als beides: als Frau aus der Arbeiter*innenklasse.

Literaturverzeichnis

BELL HOOKS.(2000). Where we stand: Class matters. Routledge.

BITZAN , M. (2018). Das Soziale von den Lebenswelten her denken. Zur Produktivität der Konfliktorientierung für die Soziale Arbeit. In R. Anhorn (Hrsg.), Politik der Verhältnisse-Politik des Verhaltens. Widersprüche der Gestaltung Sozialer Arbeit (S. 51–69). Springer VS.

BROWN , R. M. (1974). The Last Straw. In C. Bunch & N. Myron (Hrsg.), Class and feminism: A collection of essays from the Furies (1st ed, S. 13–24). Diana Press.

KAZEEM-KAMIŃSKI , B. (2018). Engaged pedagogy: Antidiskriminatorisches Lehren und Lernen bei bell hooks (2., unveränderte Auflage). Zaglossus

KEMPER , A. (2015). „Klassismus!“ heißt Angriff. Kurswechsel, 4, 25–31.

THE COMBAHEE RIVER COLLECTIVE . (2019). Ein Schwarzes feministisches Statement (1977). In N. A. Kelly (Hrsg.), Schwarzer Feminismus: Grundlagentexte (1.). UNRAST-Verlag.


Marie Kottwitz ist Sozialarbeiterin und studiert in der ersten Generation. Im Bereich politischer Bildungsarbeit beschäftigt sie sich vor allem mit der Balance zwischen konzeptioneller, wissenschaftlicher und praktischer Arbeit. Ihren Arbeitsschwerpunkt bilden feministische Theorien und Praxis, sowie Auseinandersetzungen mit Klasse und Klassismus. Außerdem ist sie gerne unterwegs, ob zu Fuß oder mit dem Fahrrad, am liebsten draußen.

Das Dishwasher Magazin ist ein Magazin von und für Arbeiter*innenkinder. Der Name bezieht sich auf den sog. Tellerwäscher-Mythos, also der Annahme, jede*r egal wo er oder sie herkommt und wer die Eltern sind, könne vom Tellerwäscher zum Millionär werden. So predigen es häufig privilegierte Menschen, auch wenn dies nicht der Realität entspricht.

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