Eine Hand hält bei Nacht eine Lupe über die Skyline einer Stadt.

Privatstädte Teil 2

Von Unternehmer-Unis zu Unternehmer-Städten – Teil 2: Exzellenz-Cluster. Von Andreas Kemper.

Als Arbeiter*innensohn gehörte ich zu denen, die ihr Studium abbrachen, weil Dinge dazwischen kamen, die knapp kalkulierten Ressourcen nicht mehr ausreichten und ein Weiterstudieren subjektiv gesehen wenig Sinn machte. Zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt schloss ich dann doch mein Studium ab. Ein kleiner Vorteil davon ist, dass ich die Studiensituation der 1980er Jahre mit denen der 2000er Jahre vergleichen kann. Ich kann Forschungen bestätigen, die sagen, dass eine ‚Verbetriebswirtschaftlichung‘ der Studierendenschaft stattgefunden hat. Damals wirkten Betriebswirtschafts-Studierenden merkwürdig, heute scheint deren Betrachtungsweise auf das Studium üblich zu sein. Ein Studium wird als ‚Ausbildung‘ betrachtet, in die man ‚investiert‘. Aber auch die Hochschulen selbst wirkten mit ihrer ‚Modularisierung‘ auf mich wie eine wirtschaftsnahe Ökonomisierung und besonders irritiert hat mit das Konzept der ‚Elitecluster‘.

Cluster-City und TUMint

An diese Unterschiede zwischen meinen beiden Leben als Student musste ich denken, als ich bei meinen Recherchen zu Privatstädten auf die ‚Cluster City GmbH‘ stieß. Ich fühlte das gleiche Befremden, als ich diesen Namen las, das sich sofort einstellt, wenn ich von ‚Elite Cluster‘ an Hochschulen höre. Und dieses Befremden potenziert sich, wenn ich mir klar mache, dass das wirklich zusammengehört.

In diesem Artikel möchte ich über die Zusammenhänge von Privatstädten und privatunternehmerisch-orientierten Hochschulen berichten. Einen dieser Zusammenhänge habe ich gerade erwähnt: Privatstädten und unternehmerischen Hochschulen liegen ähnliche Konzepte und Ideen zugrunde. Die andere Gemeinsamkeit besteht darin, dass einige dieser Hochschulen zentral an der Entstehung von Privatstädten beteiligt sind und zwar von den Führungsetagen bis zu Studierendenorganisationen.

Das Themenfeld ist komplex, daher verweise ich hier auf mein Buch ‚Privatstädte. Labore eines neuen Manchesterkapitalismus‘ und auf mein Klassismus-Wiki (klassismus.de), in dem es einen sofort auffindbaren Bereich gibt, wo ich nach und nach die Privatstadt-Szene kritisch darstelle.

Auf die ‚Cluster-City GmbH‘ bin ich gestoßen, als ich zur Technischen Universtität München (TUM) recherchierte, deren hundertprozentige Tochtergesellschaft ‚TUMint‘ eine Investorenkonferenz zur Gründung einer ersten Privatstadt organisierte.

Doch was sind eigentlich diese ‚Privatstädte‘? Genau genommen müsste es ‚Privatstadtprojekte‘ heißen, weil noch keine Privatstädte realisiert worden sind. Würden sie irgendwann Wirklichkeit, dann wären sie kapitalistische Orte, in denen alles von Privatunternehmen geregelt würde: Bildung, Gesundheit, Polizei und vor allem auch Gerichte. Die Demokratie wäre abgeschafft und durch die ‚Abstimmung mit dem Geldbeutel‘ ersetzt.

Unter der rechtsgerichteten Regierung in Honduras wurden die ersten gesetzlichen Regelungen für Privatstadtprojekte entwickelt, deren Betreiber*innen diese proprietaristische (privateigentumsorientierte, von proprius = Eigentum) Utopie verfolgen. Und am renommiertesten dieser sozial- und demokratiefeindlichen Stadtprojekte hat die ‚TUMint‘ mitgewirkt, in dem sie 2019 zu einer Investorenkonferenz einlud und danach die Stadt mitentwickelte.

Geschäftsführer war damals Daniel A. Gottschald, der von 2009 bis 2016 für  die Bayerische Staatsregierung die ‚Chemie-Cluster Bayern GmbH‘ leitete. In der Zeit entstand auch sein Projekt ‚InSITE BAVARIA‘. Anfang 2016 wurde er Leiter der ‚TUMint‘ sowie Geschäftsführer der ‚Cluster-City GmbH‘ der Tucher-Group, einer alten Patrizier-Familie (deren Vorfahrin, gemalt von Dürer, die 20DM-Scheine bis in die 1990er Jahre zierte). Geplant war der Bau eines Stadtviertels in Shenzhen, China. Am 25.06.2019 legte Gottschald jedoch seine Geschäftsführung bei der ‚City-Cluster GmbH‘ nieder und organisierte am 27.06.2019 zusammen mit Florian von Tucher diese Investorenkonferenz für die honduranische Privatstadt ‚Próspera‘.

Mit dem Ausscheiden von Gottschald als Geschäftsführer der ‚TUMint‘ Anfang 2021 beendete diese auch ihre Entwicklung des Privatstadtprojekts ‚Próspera‘.

Heilbronns ‚LIDL-Campus‘

In einem aktuellen Artikel der ‚Free Cities Foundation‘ von Titus Gebel, der bei der Investorenkonferenz dabei war und auch Investor von ‚Próspera‘ ist, habe die Technische Universität München vorgehabt, in dieser Privatstadt einen Campus zu errichten. (Fencl 2022) Ob dies der Wahrheit entspricht, kann ich nicht beurteilen und es kam ja nicht dazu. Allerdings errichtete die TUM einen anderen Campus außerhalb Bayerns und zwar in Heilbronn. Gottschald ist nun Geschäftsführer der ‚TUM Campus Heilbronn gGmbH‘, die zum ‚Bildungscampus Heilbronn‘ gehört und dieser wiederum gehört weitgehend Dieter Schwarz, bzw. seiner Stiftung. Schwarz ist der Eigentümer von Lidl und nach Medienangaben inzwischen der reichste Deutsche.

Was Gottschald in der Region Heilbronn-Franken vermisse, sei das „gewachsene Verhältnis zwischen Universität und Wirtschaft, wie er es beispielsweise aus München“ kenne (Gleichauf 2022). Der Mittelstand der Familienunternehmen solle mit Hilfe der TUM das Markenzeichen der Region werden. Schwerpunkt des ‚TUM Campus Heilbronn‘ ist neben der Forschung zu Familienunternehmen die zur Virtualität. 

„Gottschald hat auch weitere Ideen in dieser Richtung, etwa eine Art Treffpunkt auf dem Campus, an dem man direkt virtuell Kontakt beispielsweise mit einem Ort im Silicon Valley habe. […] So verbinde sich das ‚Metaversum‘ mit der physischen Welt.“ (ebd.)

Interessant ist dieses ‚Metaversum‘ als virtuell begehbarer Ort natürlich auch für Lidl. Die Dieter-Schwarz-Stiftung bezahlt Professor*innen des Campus Heilbronn aus eigener Tasche, obwohl der Campus ein Ableger der öffentlichen Technischen Universität München ist. Entsprechend befindet sich am Bildungscampus Heilbronn ein Test-Discounter, der ganz ohne Verkaufspersonal auskommt. Und auch das ‚Metaversum‘ könnte für einen Handelsriesen interessant werden.

Für die zukünftigen Gestalter*innen dieses ‚Metaversums‘ fehlt jedoch der Studiengang Architektur, wenn wir Patrick Schumacher von ‚Zaha Hadid Architects‘ Glauben schenken. Schumacher ist ebenfalls als Berater an ‚Próspera‘ beteiligt und hat eine kleine begehbare Privatstadt namens ‚Liberland‘ im ‚Metaverse‘ geschaffen. Man kann sich dort zu Meetings treffen und handeln, man kann die virtuellen Gebäude mit NFTs (Non fungible token, elektronische Besitzscheine) kaufen. Mit dem eingenommenen Geld werden diese dann physisch gebaut und man wäre automatisch Miteigentümer*in. So soll ein Privatstaat im Niemandsland zwischen Serbien und Kroatien entstehen. Schumacher sagt explizit, es gehe ihm um eine Radikalisierung des Neoliberalismus, Arbeitsrechte gehörten abgeschafft und ‚seine‘ Putzkräfte im Londoner Domizil von ‚Zaha Hadid Architects‘ müssten im Gegensatz zu ihm nicht in der Innenstadt wohnen.

Ein Kollege von Gottschald, der sich ebenfalls um die ‚Befreiung‘ der Londoner Innenstadt bemüht und nach eigenen Angaben Berater an der TUM sei, ist Shanker Singham. Singham war Handelsberater von Boris Johnson und galt als ‚das‘ Brexit-Brain. Beim Brexit ging es Singham um den Finanzdistrikt von London. Dieser sollte als Knotenpunkt einer Neuausrichtung der Weltwirtschaft nach Corona zusammen mit anderen elitären Städten ein Netzwerk bilden. Singham entwarf mit Gottschald das Szenario einer Weltwirtschaft, die sich auf einzelne Städte als Leuchtturmprojekte konzentriert. Diese müssten untereinander einen autonomen Warenverkehr haben, in den demokratische Nationalstaaten nicht reinreden dürften. Wen erinnert das nicht an international kooperierende Elite-Unis bzw. deren Exzellenz-Cluster?

Peter Thiel und Milton Friedmans Erbe

Singham hat mit Erik Brimen an der US-amerikanischen privaten Unternehmer-Uni ‚Babson College‘ die Idee für die Privatstadt ‚Próspera‘ mitentwickelt. Das am ‚Babson College‘ gegründete Unternehmen ‚NeWay Capital‘ von Erik Brimen ist quasi das Privatstadtunternehmen im Hintergrund von ‚Próspera‘.

Konkret vor Ort war außerdem die proprietaristisch ausgerichtete Privat-Uni ‚Universidad Francisco Marroquín‘ an der Entstehung der Privatstadtprojekte in Honduras beteiligt. Obwohl diese Uni in Guatemala liegt, organisierte diese Hochschule eine Privatstadtkonferenz auf der honduranischen Insel Roatán, auf der jetzt ‚Próspera‘ ausgebaut wird. Mitorganisator dieser Privatstadtkonferenz war Patri Friedman, der vom Trump-Unterstützer Peter Thiel ein paar Millionen Dollar für seine Privatstadt-Ideen bekam. Patri Friedman ist übrigens der Enkel vom Ökonom Milton Friedman. An Milton Friedmans Hochschule in Chicago wurden chilenischen Studierende ausgebildet, die als ‚Chicago Boys‘ an einer katholischen Hochschule in Chile den Putsch von Pinochet mit vorbereiteten bzw. das neoliberale Wirtschaftskonzept für die Militärdiktatur ausarbeiteten.

Okay, ich seh‘ schon, das sind wieder viel zu viele Namen auf einmal. Aber vielleicht bleibt ja ein Eindruck hängen, von dem, was sich da gerade entwickelt. Zum Schluss möchte ich noch auf die Studierenden eingehen. Relevant sind in dieser Privatstadt-Szene die sogenannten ‚Students for Liberty‘. Diese finden sich in Deutschland auch am Rand der FDP-Jugendorganisation ‚Junge Liberale‘. So findet sich in der aktuellen Ausgabe des Magazins der Jungen Liberalen NRW ein Artikel zu Privatstädten mitsamt der Überlegung, wie dieses Konzept auf Deutschland zu übertragen sei. Der Autor war sich nicht sicher, ob dafür ein (Sezessionsrecht, also das Recht, sich Staat territorial abzuspalten) geltend gemacht werden könne. Dabei haben die Ju(ngen)li(beralen)s doch so viele Jura-Studierende, die ihm vor dem Schreiben des Artikels hätten erklären können, dass Abs.1 des Artikels 20 keine demokratie- und sozialfeindliche Enklave in Deutschland zulässt: „Deutschland ist ein demokratischer (!) und sozialer (!) Bundesstaat (!).“

Über die Vernetzung der geplanten Enklaven zu einem Network-State wird in einem 3. Teil zu berichten sein.


Literatur

Alex (2022): Freie Privatstädte. Die Zukunft der Freiheit?, in: Julimagazin, Ausgabe 03/2022, S. 12f.

Fencl, Hynek (2022): Honduran ZEDEs: Their Past and Future, in: Internetpräsenz der Free Cities Foundation vom 05.08.2022, URL: https://free-cities.org/honduran-zedes-their-past-and-future/

Gleichauf, Christian (2022): TUM wil die Wirtschaft der Region Heilbronn-Franken befruchten, in: Internetpräsenz des Vereins Wissensstadt Heilbronn e.V., URL: https://wissensstadt.hn/tum-will-die-wirtschaft-der-region-heilbronn-franken-befruchten/

Kemper, Andreas (2022): Privatstädte. Labore für einen neuen Manchesterkapitalismus, Münster

Kemper, Andreas (2022): „Privarismus“, in: klassismus.de, URL: http://www.klassismus.de/index.php?title=Privarismus&oldid=773 (abgerufen am 31. August 2022).

Das Dishwasher Magazin ist ein Magazin von Arbeiter*innenkindern für alle. Der Name bezieht sich auf den sog. Tellerwäscher-Mythos, also der Annahme, jede*r egal wo er oder sie herkommt und wer die Eltern sind, könne vom Tellerwäscher zum Millionär werden. So predigen es häufig privilegierte Menschen, auch wenn dies nicht der Realität entspricht.

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