Eine im Protest erhobene Faust vor dem, im Hintergrund sichtbaren, Eiffelturm in Paris.

Das Faustrecht der Literatur

oder Abgefuckt in Paris. Von Richard Dietrich.

Ich suchte einen guten Ort um Straßenmusik zu machen, um meine Reisekassen von zwei Cent ein wenig aufzufüllen und schlenderte um die touristischen Hotspots um Notre Dame herum. Ab und zu sammelte ich halb gerauchte Kippenstummel vom Boden auf, weil Zigaretten und Tabak in Frankreich exorbitant teuer sind und das ständige Abblitzen beim Anschnorren von Passanten an meinem Selbstwertgefühl nagte. Obwohl überall Touristen waren, die geldklimpernd eine Trilliarden Fotos pro Sekunde zu schießen schienen, stellte ich ernüchternd fest, dass es hier nicht viel zu holen gab. Es war einfach zu laut und wenn hier Straßenmusiker für Geld spielten, hatten sie fette Verstärker und blockierten alle halbwegs guten Spots. Auch untereinander waren sich die alteingesessenen pariser Musiker uneins und stritten sich oft wer wie lange irgendwo spielen durfte ect. Falls sie aber spielten, dann meistens Jazz, nur Jazz und immer das gleiche pseudo-hochkulturelle Gedudel, ich konnte es einfach nicht mehr hören!

Ich beobachtete eine Streetdance Gruppe, die unglaublich laute Musikbegleitung aus einer Bassbox  herausschallen ließ und um die sich eine kleine Menschenmenge mit ihren Rucksäcken nach vorne tragend gebildet hatte. Dabei entdeckte ich eine angerauchte Gauloise, sammelte sie vom Boden auf und zündete sie mit meinem schlecht funktionierenden Briquet an. Wiederverwertete Zigaretten sind wohl nachhaltiger, schmecken in den meisten Fällen aber unglaublich scheußlich. Was soll’s, besser als zu schmachten. Da die Tanzgruppe mehr mit Worten zu animieren versuchte als wirklich mal mit spektakulären Moves das Publikum zu begeistern, ließ ich meinen Blick schweifen. Da entdeckte ich IHN! Das konnte nicht wahr sein! Ich stakste die fünf Meter zu einem Grüppchen Menschen die sich laut auf englisch unterhielten und unterbrach nonchalant: „Désolé, mais vous êtes Monsieur Ernest Hemingway?“1 Der Mann mit der Brille und dem gepflegten Bart starrte mich verständnislos an. Hemingway sprach immer noch kein Französisch obwohl dieser Yank so lange hier lebte und gar immer wieder über Frankreich schrieb! Er wollte gerade fragen „Who the fuck are you?!..“ Da hatte er schon meine Linke gegen die Schläfe bekommen. Obwohl rechts meine Starke ist, pflege ich es in Zeiten großer Erregung instinktiv mit links auszuteilen. Ob ich als Linkshänder geboren wurde und man es mir gewaltsam aberzogen hat? Hemingway schien keine Nehmerqualitäten zu besitzen und fiel halb theatralisch, halb kläglich zu Boden. Ich war so sauer, nachdem ich Paris ein Fest fürs Leben gelesen hatte, und ich hatte noch eine Menge Wut wegen Der alte Mann und das Meer im Bauch und wollte dem gefallenen Literaturgiganten einen saftigen Tritt verpassen. Unglücklicherweise schien einer der Begleiter aus seiner Schockstarre erwacht zu sein und gab mir einen Schlag von der Seite, der mich benommen machte. Ich denke, es hatte sich hier um einen bezahlten Leibwächter gehandelt und nicht um einen mit Hemingway befreundeter Literaturkritiker, aber bevor ich meinen schummrigen Gedanken zu Ende denken konnte, gab er mir einen kolossalen Knock-out.

Ich schreckte nach Luft schnappend aus dem Schlaf hoch und blickte mich um. Ich war im Parc Clichy auf einer überraschend bequemen Parkbank eingeschlafen und wurde halbseitig von der Mittagssonne versengt. In meinem Schoß lag noch das Buch von Georg Orwell Erledigt in Paris und London und ich hatte selten, mit Ausnahme von Bukowski und Gorky, so eine authentische und geistreiche Schilderung der Gosse gelesen. Jetzt schien auch alles einen Sinn zu ergeben: Ich hatte vor einigen Wochen in Berlin in einem Hauseingang das abgegriffene Buch Hemingways über Paris entdeckt und überwand meine tiefsitzende Enttäuschung aus vorangegangenen Leseerlebnissen dieses vielgepriesenen Autors. Hemingway versucht Hunger und Armut zu beschreiben, kommt aber über detaillierte Aufzählungen seiner täglichen Speisen und Getränke sowie Ausflüge, Museumsbesuche und illustren Treffen mit wohlhabenden Gestalten nicht hinaus. Ein, in meinen Augen, blutleerer Versuch eines gut gebildeten Yanks, sich in der Exotik des alten Kontinents und der bohemischen Mystifizierung der Armut zu suhlen. Ich musste das Buch irgendwann aus  dem Fenster werfen und hoffe, dass kein weiterer Mensch auf der Straße durch dieses Schund-Buch zu Schaden gekommen ist. Ab einem gewissen Punkt verfolgten mich die Dämonen des Rauschgifts derart, dass ich Berlin einfach fluchtartig verlassen musste und ich kämpfte mich schwarzfahrend in mehreren Zügen nach Paris vor.

Als ich mit 12,60 Euro und einer Schachtel HB am versifften Gare du Nord stand, musste ich mir wirklich die Frage stellen, ob ich die berliner Kloake gegen eine romantisierte Gosse ausgewechselt hatte. Dies war nicht das Paris aus Büchern und Filmen. Dort wo ich Existentialisten in Cafes diskutierend anzutreffen hoffte, rauchten verwitterte Junkies billigstes Heroin von verkrusteter Alufolie und bärtige Penner*innen aßen aufgeweichte MCDonald’s-Fritten aus Mülltonnen. French Fries? Immerhin waren die Ratten an den Seineufern putzig und frassen einem quiekend aus der Hand. Sie schienen nichts mit ihren riesigen, mutierten Kanalratten-Artgenossen aus Berlin zu tun zu haben. Ich hatte selbst gesehen, wie diese Kreaturen vereiterte Junkies im Zustand durchweichtester Erschöpfung angeknabbert hatten. Da ich noch nicht an diesem Punkt angelangt war, erheiterten mich die Erzählungen Orwells und ließen mich in Momenten, in denen ich schmutzig und hungrig in der Metro saß, laut auflachen.

Ich streckte mich nun auf der Parkbank, eine gut gekleidete Dame mit Hund lächelte mir zu, ich lächelte zurück und sie gab mir zwei Euro. Die Euronen glänzten wie silber umrandetes Gold in der Sonne. Es schien ein guter Tag zu sein! Ich ging zur Fontaine rüber, um mich zu waschen. Es gab richtiges Trinkwasser hier im Park! Als ich wieder zu meiner Bank zurückkehrte, saß ein hagerer Typ auf der Nebenbank und rauchte genüsslich Markenzigaretten. Ich fragte ihn gut gelaunt und höflich, ob er mir eine abdrücken mochte und er sagte mit britischem Akzent: „Mais bien sur!“2 und gab mir eine ‚blonde‘, wie industrielle Zigaretten hier auch mal genannt werden. Während ich, in einer Mischung aus Genuss und Gier, den Rauch inhalierte, machte der Gentleman sich auf, aber nicht ohne noch üppig in die Schachtel zu greifen, um mir ein Händchen voll Kippen da zu lassen. Er wollte gehen, doch ich wollte noch den Namen des Gönners wissen und er sagte: „Je suis Eric, Eric Blair“3. Er hatte ein Buch von Balzac unterm Arm, also versuchte ich ihn von Erledigt in Paris und London zu begeistern. Das Buch schien ihm was zu sagen, aber er hatte es eilig und so verabschiedete er sich ein weiteres Mal und zog seiner Wege. Ich ließ mich auf der Bank nieder, stellte fest, dass ich sein Feuerzeug in einem kleptomanischen Reflex erworben hatte und zündete mir gleich die nächste an. Mit den zwei Euro konnte ich mir einen billigen Cafe au lait besorgen und dazu Blondierte rauchen!  Ich ließ das süße Gift tief und langsam in meine Atemwege eindringen und spürte das Nikotin durch meinen ausgezehrten Körper rasen. Ich hatte schon seit zwei Wochen keine Socken und Unterhosen mehr, aber die Sonne lachte so strahlend vom Himmel, als würde es nie wieder Sorgen auf dieser Erde geben! Eine Ratte im Teenageralter sah mich mit großen, bettelnden Augen an. Ich wollte gerade meine Hosentaschen nach verfütterbaren Krümmeln durchsuchen, da sah ich auf der anderen Seite der Springbrunnens in der Mitte des Parks jemanden, der nur Friedrich Schiller sein konnte, mit großen Schritten und auf seine Taschenuhr Blicke werfend vorbeihuschen. Sofort schoss mein Puls hoch und meine Fäuste ballten sich, sodass die Adern herauszutreten begannen als hätte ich Regenwürmer unter der Haut. Ich hatte noch eine Rechnung mit ihm wegen Don Karlos offen!


 1 Aus dem Französischen: „Verzeihen Sie, aber sind Sie Herr Hemingway?“

 2 Aus dem Französischen: „Aber natürlich doch!“

 3 Aus dem Französischen: „Ich bin Eric, Eric Blair.“

Das Dishwasher Magazin ist ein Magazin von und für Arbeiter*innenkinder. Der Name bezieht sich auf den sog. Tellerwäscher-Mythos, also der Annahme, jede*r egal wo er oder sie herkommt und wer die Eltern sind, könne vom Tellerwäscher zum Millionär werden. So predigen es häufig privilegierte Menschen, auch wenn dies nicht der Realität entspricht.

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